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Die Natur hat keinen Kalender — aber sie hat eine Temperatur

Fachwissen April 2025 · Redaktion BZV OÖ

Die Natur hat keinen Kalender — aber sie hat eine Temperatur

Die Grünlandtemperatursumme hilft uns zu verstehen, wann die Natur aufwacht. Wer das Prinzip kennt, wird bessere Entscheidungen am Stand treffen — solange er eines nie vergisst: Hinschauen geht vor Rechnen.

Jedes Frühjahr dasselbe Gefühl: Ist es jetzt Zeit für den Honigraum? Blüht der Raps schon beim Nachbarsimker zwei Täler weiter? Hat das Volk jetzt Schwarmdrang — oder wartet es noch? Der Kalender hilft uns dabei wenig. Der 15. April kann mitten in einem Kältesommer liegen oder schon fast Hochsommer sein.

Genau hier setzt die Grünlandtemperatursumme, kurz GTS, an. Sie misst nicht das Datum, sondern die aufgenommene Wärme. Und die ist es, auf die sich Pflanzen — und damit auch unsere Bienen — verlassen.


Was die GTS misst — und wie sie rechnet

Die Idee ist einfach: Jeden Tag, an dem die Durchschnittstemperatur über 0 °C liegt, wird dieser Wert zur bisherigen Summe addiert. Wer kalt ist, zählt nicht. Wer warm ist, zählt dazu.

Das Prinzip in drei Schritten
Ab 1. Jänner wird täglich gezählt:

Im Jänner zählt jeder Wärmetag nur halb (× 0,5) — die Sonne steht zu tief, die Böden sind kalt.
Im Februar zählt er zu drei Viertel (× 0,75).
Ab März zählt jeder Tag voll (× 1,0).

Das Ergebnis ist die GTS in °Cd — Grad-Celsius-Tage.

Ein Beispiel: Es ist der 20. März, die letzten Wochen waren mild. Die GTS zeigt 180 °Cd an. Das bedeutet: Die Natur hat seit Jahresbeginn insgesamt 180 Wärmetage aufaddiert. Erfahrungswerte sagen uns, dass bei 200 °Cd die Kirschblüte beginnt — und die Volksstärke rasch steigt.

50 °Cd
Erste Pollentrachten: Hasel, Erle, Schneeglöckchen
Futtervorrat prüfen · erste Flugversuche
200 °Cd
Vollfrühling: Kirsche, Löwenzahn blühen
Volksstärke steigt · Schwarmstimmung beobachten
400 °Cd
Honigraum aufsetzen — Raps, Obstbäume in Blüte
Empfehlung der Fachliteratur
600 °Cd
Vollsommer: Phacelia, Linde
Varroabehandlung planen · Honigschleudern

Die große Einschränkung: Mikroklima lügt nicht — die Berechnung schon

Hier ist der wichtigste Satz dieses Artikels: Die GTS wird aus Temperaturdaten einer Wetterstation berechnet — nicht aus dem, was an Ihrem Bienenstand wirklich passiert.

Und das kann einen erheblichen Unterschied machen. In der Realität gibt es zwischen zwei Bienenstöcken, die nur zwei Kilometer voneinander entfernt stehen, massive Unterschiede — je nachdem, ob sie in der Sonne oder im Schatten, am Hang oder in der Mulde, in der Stadt oder im Wald stehen.

Schattlage / Nordseite
Boden erwärmt sich langsamer. Schnee liegt länger. Blüten kommen 1–2 Wochen später als im Tal.
GTS überschätzt die Wärme deutlich
Kaltluftsee / Mulde
Nachts sammelt sich Kaltluft. Frühlingsfröste werden häufiger. Blühbeginn verzögert sich merklich.
GTS passt kaum zur Realität vor Ort
Südhanglage / Stadtgarten
Boden speichert mehr Wärme. Blüten können 1–3 Wochen früher kommen als der GTS-Wert vermuten lässt.
GTS unterschätzt die lokale Wärme
Hochlagen / Alpenvorland
Höhendifferenz von 200 m entspricht rund 1 °C weniger. Im Gebirge können 2–4 Wochen Unterschied entstehen.
GTS nur als grober Richtwert nutzbar
▲ Achtung: Wer nur auf die GTS schaut, kann falsch liegen
Die GTS ist kein GPS. Sie sagt Ihnen nicht, wo Sie sind — sie sagt Ihnen, wo die Natur im Durchschnitt der Region steht. Ein Bienenstand in einer Schattmulde mit Spätfrostgefahr kann zwei bis drei Wochen hinter dem GTS-Wert liegen. Wer den Honigraum nach dem Rechenwert aufsetzt, ohne hinzuschauen, riskiert eine leere Zarge — oder einen gestressten Schwarm, der keinen Platz hat.

Die beste Kontrolle wächst vor Ihrer Haustür

Die erfahrenen Imkerinnen und Imker unter uns kennen das schon lange: Die Natur lügt nicht. Zeigerpflanzen — also Pflanzen, die auf Wärme besonders zuverlässig reagieren — sind die ehrlichste Ergänzung zur GTS-Berechnung.

Verlässliche Zeigerpflanzen für OÖ-Imker
Hasel Kätzchen öffnen sich → Erstfrühling, erste Pollentracht möglich
Huflattich Blüht noch vor den Blättern → zuverlässiger Frühindikator
Löwenzahn Erste offene Blüten → Volksstärke steigt, Schwarmzeit naht
Schlehe / Schwarzdorn Weißblüte → Vollfrühling, Raps kurz danach
Linde (erste Blüten) Vollsommer, letzte große Trachtchance vor der Sommerlücke

Wer sich angewöhnt, diese Pflanzen regelmäßig zu beobachten — am eigenen Stand, in der nächsten Hecke, auf dem Weg zum Bienenhaus — hat das beste Kalibrierungsinstrument, das es gibt. Kein Algorithmus ersetzt den Blick auf die blühende Schlehe hinter dem Zaun.

„Die GTS sagt mir: Jetzt könnte es so weit sein. Die Schlehe sagt mir: Es ist so weit. Beides zusammen macht einen guten Imker.“


Unser Tipp: GTS als Kompass, Zeigerpflanzen als Karte

Wir empfehlen, den GTS-Monitor unter gts.bzv-ooe.at als orientierende Vorhersage zu verwenden — besonders dann, wenn Sie mehrere Standorte verwalten oder Wanderimkerei betreiben und einen schnellen Überblick brauchen. Für die endgültige Entscheidung aber: raus, hinschauen, evaluieren.

Zusammenfassung: So nutzen Sie die GTS richtig
GTS gibt einen guten regionalen Richtwert — kein exaktes Ergebnis für Ihren Standort
Schattlagen, Mulden und Höhenlagen können 1–3 Wochen hinter dem GTS-Wert liegen
Sonnige Südlagen oder Stadtgärten können der GTS voraus sein
Zeigerpflanzen am eigenen Stand sind die ehrlichste Ergänzung
GTS als Kompass nutzen — die Natur vor Ort als letzte Instanz
GTS Phänologie Mikroklima Zeigerpflanzen Trachtkalender Imkerpraxis
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